Rollen erfüllen – erfüllende Rollen

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Ein „Miteinander-Gehen“, wie ich es in meinem Artikel vergangene Woche kurz angerissen habe, gibt es nicht nur in Partnerschaften, sondern auch in allen anderen Beziehungen, die wir führen: als Freund*in, Mitarbeiter*in, Kolleg*in, Führungskraft, Kind, Elternteil, Dienstleister*in oder welcher Art die eigene Wegbegleiterschaft ist. Da wir in unserem Leben immer mehrere Rollen innehaben, passiert es, dass Anforderungen und Vorstellungen dessen, was eine*n gute*n Wegbegleiter*in in der jeweiligen Rolle ausmacht, kollidieren.

 

Wenn ich nur wüsste…

Ein anschauliches Beispiel für die Kollision von Erwartungen und Wünschen an das Aus- und Erfüllen unterschiedlicher Rollen in verschiedenen Lebensbereichen darf ich mit freundlicher Genehmigung einer Gesprächspartnerin vorstellen: „Ich möchte wieder arbeiten gehen, um meinen Mann zu entlasten, denn aktuell ist er allein für unser Familieneinkommen zuständig und unsere Rücklagen gehen zu Ende. Aber die Arbeit in der alten Firma macht mir keinen Spaß mehr und ich würde viel lieber meine Ausbildung als Trainerin weiterverfolgen. Doch meine Chefin will ich jetzt auch nicht enttäuschen, sie war immer sehr fair mir gegenüber und erwartet meinen Wiedereintritt bereits. Wenn ich allerdings arbeite UND nebenbei dir Trainer*innen-Ausbildung mache, bleibt meine Zeit mit den Kindern auf der Strecke. Ich bin doch gerne Mutter und will so viel Zeit wie möglich mit den Kleinen verbringen. Dann ist auch noch die Zeit für mich, die mir heilig ist, und meine Beziehung, die schon jetzt kaum Platz bekommt. Ich weiß beim besten Willen nicht mehr, was ich machen soll. Gute Mutter, verlässliche Mitarbeiterin, motivierte künftige Trainerin, unterstützende und liebende Partnerin und ausgeglichene Frau, die auch Raum für sich selbst hat. Egal wie ich mich entscheide, irgendein Bereich bleibt immer auf der Strecke und ich enttäusche entweder meinen Mann, meine Chefin, meine Kinder oder mich selbst.“

 

Das Beste aus sich selbst herausholen

Die beste Version seiner selbst zu sein bedeutet nicht, allen von außen kommenden Anforderungen an „eine gute Mutter/Partnerin/Mitarbeiterin/Freundin usw.“ gerecht zu werden, sondern sich darüber klar zu werden, was für einen selbst aktuell bestmögliche Erfüllung der jeweiligen Rolle bedeutet. Frei von „muss“ und „soll“, stattdessen erfüllt von stimmigem und eigenverantwortlichem Tun und Sein. Das Beste ist demnach definiert durch die eigenen wahren Bedürfnisse und Ressourcen, nicht durch Anforderungen und Erwartungen anderer oder eigene Überforderungen.

 

Ganz klar, das ist leichter gesagt als getan. Wir nehmen bestimmte Idealvorstellungen als Standard an, übernehmen unreflektiert Rollenmodelle ohne sie an unsere eigenen Bedürfnisse anzupassen, wollen von wichtigen und sogar weniger wichtigen Anderen wertgeschätzt und als „gut“ angesehen werden. Immer wieder werden wir mit Vorstellungen anderer konfrontiert, wie wir unsere Rolle als Mutter/Mitarbeiterin/Partnerin/Freundin/usw. besser ausfüllen können und vor allem, was wir so alles „falsch“ machen. Und dann? Entweder, wir leben nach unseren eigenen Vorstellungen und haben dann ein schlechtes Gewissen, weil wir glauben, andere zu enttäuschen, zu verletzen oder zu erzürnen. Oder wir ordnen unsere Bedürfnisse und Wünsche den Vorstellungen anderer unter und verlieren uns selbst aus dem Blick. In beiden (Re)Aktionsmöglichkeiten bleiben entweder wir selbst oder das Gegenüber auf der Strecke –  und damit genau genommen immer beide, denn ein erfüllendes Miteinander bedeutet niemals, dass einer von zumindest zweien auf der Strecke bleibt.

 

Eigenverantwortung übernehmen

Wenn jede*r einzelne für sich selbst versucht, das aktuell bestmögliche aus all ihren*seinen Rollen zu machen und das jeweilige Gegenüber diese Versuche aufrichtig anerkennt, bei sich bleibt und versucht, die eigenen Rollen bestmöglich zu leben und sich nicht in die Rollengestaltung der*des anderen einzumischen, dann sind die gemeinsamen Wege deutlich harmonischer, freudvoller, bunter und erfüllender.

 

Das bedeutet nicht, dass wir generell nicht auf andere hören und deren Sichtweisen, Ideen und Vorstellungen betrachten. Es geht darum, sie als genau das zu sehen: Sichtweisen, Ideen und Vorstellungen anderer. Es macht Sinn, diese als Inputs dafür nutzen, sie zu reflektieren, neue Perspektiven zu schaffen, Möglichkeitsräume zu eröffnen und unbequeme Spiegel vorgehalten zu bekommen – Stichwort: was trifft, betrifft. Es gilt zu vermeiden, sie ungefiltert zu übernehmen und uns dadurch einzuschränken, zu beschweren oder vollkommen zu verbiegen.

 

Alles Liebe,

Eure

Esther

 

Photo by Adam Winger on Unsplash

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