Von Ästhetik, Schönheit und Oberflächlichkeit

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Was wir ästhetisch als „schön“ empfinden, unterliegt komplexen Prozessen mit zahlreichen Wirk- und Einflussfaktoren. Das Betrachten von Schönem löst positive Gefühle in uns aus, von einem Anflug Freude und Genuss über Entzücken bis hin zu einem Gefühl des Aufgehens in der Schönheit des Moments. Betrachten wir etwas oder jemand Schönes und sehen dabei gleichzeitig Konkurrenz oder eine unerreichbare Messlatte, dann geben sich Unsicherheit, Verdruss, Druck, Scham und Unzufriedenheit die Klinke in die Hand.

 

Oberflächlichkeit ist nicht gleich Oberflächlichkeit

Wenn die Beschäftigung mit Schönheit, Äußerlichkeiten, Oberfläche und Erscheinungsbild, also mit sichtbaren, greifbaren und leicht zugänglichen Attributen von Personen, Gegenständen und Gegebenheiten bedeutet, …

  • sich selbst anhand der Schönheit zu bewerten,
  • sich herabzusetzen,
  • sich zu vergleichen,
  • sich an Idealen zu messen oder messen zu lassen,
  • aufgrund von dem Nicht-Erfüllen von bestimmten Normen nicht zu gefallen oder als schön zu gelten,
  • sich deshalb schlecht und ungenügend zu fühlen…

dann ist diese Art von Oberflächlichkeit etwas Grausames. Sie kann negative Gedanken und Empfindungen in Gang setzten, Stress und Druck verursachen und sogar krank machen.

 

Wenn diese Befassung mit Oberflächlichkeiten – im wahrsten Sinne des Wortes – jedoch bedeutet, …

  • sich mit schönen Dingen auseinanderzusetzen,
  • Genuss durch Ästhetik zu erleben,
  • sich mit Schönheit zu umgeben,
  • optische Reize so zu gestalten, dass sie uns gut tun und wir Freude daran haben,
  • Schönheit im Detail sowie im Großen zu entdecken – an Dingen, Situationen, uns selbst und anderen,

dann ist Oberflächlichkeit etwas Wohltuendes und manchmal auch Heilsames. Denn das Beschäftigen mit der Schönheit im Außen kann dazu beitragen, auch Schönheit im Innen zu finden und zu erleben. Es kann ablenken, im positiven Sinne, und Aufmerksamkeit binden durch das Betrachten, Erleben, aber auch Schaffen und Gestalten von Schönem. Sie kann das Wohlbefinden steigern.

„Nur ein ausgeglichener Geist kann Schönheit wahrnehmen.“ Frank Berzbach

Gleichzeitig kann das Wahrnehmen von Schönem unseren Geist ausgleichen.

 

Den Schönheits-Sinn schulen

Die Auseinandersetzung mit unserer sinnlichen Wahrnehmung und Erkenntnis, also Ästhetik im eigentlichen Sinne, bedeutet noch nicht Suche nach Schönheit. Diese kann in einem zweiten Schritt erfolgen, indem wir uns fragen, was wir von dem, was wir gerade bewusst wahrnehmen, als schön empfinden und was nicht. So entdecken wir Muster und lernen unsere eigenen Vorlieben sowohl in Bezug auf unseren bevorzugten SchönheitsSINN als auch auslösende Reize besser kennen. Wenn wir lernen, die Schönheit in Gegenständen, Personen, der Natur, Begebenheiten und Geschehnissen zu erkennen und neu zu entdecken, schulen wir unsere allgemeine Wahrnehmung für das Schöne. Und können es in weiterer Folge viel eher an uns selbst entdecken. Dabei helfen uns Feinsinn, Offenheit und Neugier. Und plötzlich geht Oberflächlichkeit in die Tiefe.

 

Fragen zum Reflektieren und Wirkenlassen

  • Was empfindet Ihr als schön und welche Merkmale daran sind dafür ausschlaggebend? Sind es bestimmte Formen, Farben, Texturen oder andere Beschaffenheiten? Oder ist es vielmehr das große Ganze?
  • Was betrachtet Ihr gerne? Was löst in Euch durch bloße Anwesenheit ein Wohlgefühl aus?
  • Was findet Ihr an anderen Menschen besonders schön, was an Euch selbst?
  • Welcher Eurer Sinneskanäle – Hören, Sehen, Schmecken, Riechen, Fühlen – ist am ausgeprägtesten, wenn es um das Entdecken von Schönheit geht?
  • Studien zeigen, dass durchschnittliche Gesichter – also Gesichter, die aus vielen unterschiedlichen Gesichtern durch „Überlagerung“ erstellt wurden – als besonders schön empfunden werden. Warum streben wir in Bezug auf Schönheit nach Durchschnittlichkeit, wo wir uns in so vielen anderen Bereichen als besonders erfahren wollen? Machen nicht gerade besondere Attribute nicht auch merk-würdig?
  • In allen Bereichen des Lebens erlauben wir uns unterschiedliche Geschmäcker: in Bezug auf Kleidung, Autos, Inneneinrichtung, Literatur, Fernsehserien und Essen – warum unterwerfen wir uns gerade in Bezug auf Schönheit einem einzigen, unrealistischen und zumeist wenig-persönliche-Erfüllung-bringenden Ideal?
  • Wenn Ihr Euch entscheiden müsstet: wärt Ihr lieber „nur schön“ oder „nur attraktiv“?
  • Wenn wir wissen, dass alleine das Betrachten von Schönem im Außen positive Gefühle erzeugen kann, warum fokussieren wir dann so oft auf weniger schönen Dinge?

 

Alles Liebe,

Eure

Esther

 

Photo by gilber franco on Unsplash

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