Vorbild: haben, sein – oder doch nicht? II

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Heute greife ich ein paar der Impulsfragen auf, die ich letzte Woche in Bezug auf Vorbilder an den Schluss des Artikels von letzter Woche gestellt habe. Ich habe keineswegs den Anspruch, diese allumfassend zu beantworten – auch, weil ich es gar nicht könnte. Vielmehr möchte ich die Fragen erneut in den Raum stellen – manche mit eigenen Gedanken versehen, manche beinahe kommentarlos -um zu einem selbstständigen Weiterdenken zu motivieren.

 

Wenn Vorbilder sinnvolle Stützen beim Erreichen unserer Ziele sind, warum scheinen immer weniger Menschen echte Vorbilder zu haben? Wenn wir Vorbilder haben, warum streben wir nach Perfektion, wenn wir niemanden kennen, der so „perfekt“ ist, um in allen Lebensbereichen das Vorbild zu sein? Sind nicht gerade „unvollkommene“ Menschen Vorbilder? Schließen sich ein Leben nach Vorbildern, das Gehen des eigenen Weges und Einzigartigkeit aus?

Das Leben wird immer schneller und die Möglichkeiten, das eigene Leben zu gestalten, vielfältiger. Mit zunehmenden Möglichkeiten steigt allerdings auch der Drang, keine Chance zu verpassen.

„Ich habe die Aussicht auf diese tolle Führungsposition. Gleichzeitig sehe ich mich in den nächsten drei Jahren als Mutter. Karriere und Familie, was soll zuerst kommen? Wann ist der richtige Zeitpunkt für das eine, wann für das andere, und wann ist die jeweils passende Zeitspanne vorbei? Was ist dringlicher? Wofür ist es schneller „zu spät“? Was kann ich eher nachholen? Geht beides gleichzeitig? Funktioniert ein „Hintereinander“? Oder kann ich überhaupt nur eine dieser Visionen voll und ganz umsetzen? Welches Bedürfnis ist stärker? Welche Bedürfnisse kommen dabei wirklich von mir, welche habe ich mir aufdrängen lassen? Mit welchen Entscheidungen werde ich am Ende des Tages erfüllt einschlafen können? Und will ich überhaupt meine Freiheit ohne Verpflichtungen gegenüber Mitarbeiter*innen oder Kindern aufgeben? Ich weiß gar nicht mehr, was ich machen soll, geschweige denn, was ich wirklich will.“

Frauen sind zwischen unzähligen Rollen hin und hergerissen und wollen Anforderungen bestmöglich erfüllen. Dabei passiert es leicht, dass sie in diesem Trubel gefangen sind und ihre eigene Mitte verlieren. Frauen haben oft den Eindruck, Rechtfertigung für das eigene Verhalten ablegen zu müssen – egal, in welcher Rolle sie sich gerade befinden. Eine Mutter, die gerne arbeitet und viele Stunden in ihre Karriere investierte, wird den Vorwurf hören, sich nicht genug um die Familie zu kümmern. Eine Mutter, die ebenso gerne arbeitet und einen Karriereplan verfolgt, gleichzeitig aber auch Pflegeurlaub nimmt und Überstunden meidet, wird vom Arbeitgeber oder Kolleg*innen den Vorwurf hören, sich zu viel Zeit für die Familie zu nehmen und sich im Job zu wenig „reinzuknien“. Eine Mutter, die versucht Karriere und Kinder unter einen Hut zu bekommen, wird in der Partnerschaft den Vorwurf bekommen, nicht ausreichend Zeit in die Beziehungspflege zu investieren. Immer wieder werden Frauen mit direkten oder indirekten Vorwürfen konfrontiert und haben oftmals nicht die Möglichkeit, für sich selbst die richtige Mitte bzw. die richtigen Wege zu finden. Um dies zu schaffen, ist es unabdingbar, sich darüber klar zu werden, was die eigenen Bedürfnisse und Wünsche sind.  Wenn wir herausfinden, was wir wirklich wollen und Vorbilder finden, die in gewissen Bereichen Vergleichbares leben, können wir diese Vorbilder in den einzelnen Bereichen als Stützen und Energiequellen nutzen. Es ist aufgrund der komplexen Rollen- und Möglichkeitskombinationen sehr unwahrscheinlich, jemanden zu finden, der unser Vorbild in allen Lebensbereichen ist. Und das muss auch gar nicht sein.

 

Sind Vorbilder nur dann Vorbilder, wenn sie überdauern, oder dürfen wir auswechseln, je nachdem, welchen Herausforderungen wir gerade gegenüberstehen?

„Die einzige Konstante im Universum ist die Veränderung.“ (Heraklit)

Mit Vorbildern verhält es sich wohl ebenso. Sie dürfen bleiben, solange sie stimmig sind und uns bei unseren Vorhaben unterstützen. Abgesehen davon, dass sich noch lebende Vorbilder verändern, verändern auch wir uns. Es ist also sinnvoll, die Stimmigkeit von Vorbildern immer wieder zu reflektieren und zu hinterfragen, ob mein Vorbild tatsächlich eine Vorbildfunktion erfüllt oder eher als Maßstab fungiert.

 

Verwechseln wir Vorbilder mit Maßstäben bzw. Messlatten?

Bereits letzte Woche habe ich dieses Thema unter dem Punkt „Vorbilder in Sozialen Netzwerken“ angesprochen. Nicht selten ertappen wir uns dabei, uns mit anderen zu vergleichen und neidisch auf diejenigen zu sein, die scheinbar besser leben, besser lieben, sich besser präsentieren. Wer meine Beiträge kennt, kann erraten, was nun folgt: auch unangenehme Gefühle haben ihren Wert und nützen uns, wenn wir bereit sind, genauer hinzusehen. Bleiben wir bei Neid oder Eifersucht. Gibt es in Eurem Bekannten-, Verwandten-, Freundeskreis jemanden, auf den/die Ihr neiderfüllt blickt? Dann fragt Euch, was genau es ist, das diesen Neid, diese Eifersucht auslöst. Anstatt neidisch zu sein, seid dieser Person dankbar, weil sie Euch indirekt beim Aufdecken unerkannter Bedürfnisse unterstützt. Ihr könnt dabei wieder die 5-Why-Methode anwenden, die ich im Artikel „Genussreiche Zukunftsbilder mit viel WARUM“ beschrieben habe. Vielleicht geht es für Euch nicht um ein perfekt arrangiertes Leben wie das von Miss Super-Business-Happypäppy-Beauty-Mom, sondern „lediglich“ um einen Ort der Ruhe und Muße? Wer an der zugrundeliegenden Ableitung interessiert ist, kann sich gerne bei mir melden. Wenn Ihr erkennt, welches Bedürfnis Euren Neid verursacht hat, könnt Ihr beginnen, dieses Schritt für Schritt zu erfüllen.

Manchmal empfinden wir wertschätzende Bewunderung – zumeist, wenn eine Person uns nicht besonders ähnlich oder nahe ist und auf einem anderen Gebiet wirkt als wir. Diese Bewunderung könnt Ihr nutzen, indem Ihr Euch die Person in genau dem Bereich, in dem Ihr sie bewundert, zum Vorbild macht. Angenommen ihr habt eine Bekannte, die stets entspannt und selbstbewusst wirkt. Bei euch geht es hingegen gerade drunter und drüber, Eure Gedanken überschlagen sich und Ihr gleicht eher einem Pulverfass als einer entspannenden Aroma-Duftlampe. Versucht in solchen Momenten, Euch diese Person in den Sinn zu rufen und sie für ein paar Augenblicke Euer Denken und Handeln übernehmen lassen. Ihr versetzt sie also gewissermaßen in Euch hinein und überlegt: „Was würde sie tun und denken?“ Dabei geht es nicht darum, was diese Person wirklich machen würde, sondern darum, das anzuwenden, was Ihr an ihr bewundert. Und schon hat sie Euch ohne ihr aktives Zutun geholfen, ihr von Euch angestrebtes Tun und Sein zu integrieren.

 

Was bedeutet es, Vorbild zu sein, z.B. als Mutter oder Führungskraft? Wie beeinflusst das Wissen über die eigene Rolle als Vorbild das Denken und Handeln?

„Erziehung ist Vorbild und Liebe.“

Ich weiß nicht mehr, wie genau Jesper Juul diesen Satz formuliert hat, aber so ist er hängen geblieben. Ebenso gilt in der Arbeitswelt: „Führung ist Vorbild und Wertschätzung.“ Wenn wir uns bewusst machen, dass andere unser Verhalten kopieren, hilft es uns, unser eigenes Handeln genauer zu betrachten und kritisch zu hinterfragen. Wollen wir wirklich, dass unsere Mitarbeiterin die Vorbereitung einer wichtigen Präsentation immer wieder aufschiebt und diese letztlich unter enormem Zeitdruck qualitativ weniger hochwertig und mit zermürbenden Selbstvorwürfen irgendwie zusammenbastelt? Wollen wir wirklich, dass unsere Tochter vor dem Spiegel steht und ihren Körper unzufrieden, beschämt und angeekelt betrachtet und sich fragt, warum sie nicht viel mehr wie das Model auf dem bearbeiteten Instagram-Bild aussieht? Wollen wir wirklich, dass unsere Freundin sich ein Leben schönredet, dass nicht ihren Bedürfnissen entspricht, nur damit alle um sie herum zufrieden sind?

 

Sind weibliche Vorbilder auch Vorbilder in Sachen Weiblichkeit? Was braucht eine Person, um ein Vorbild in Bezug auf Weiblichkeit zu sein?

Um zu wissen, welche Personen Vorbilder für Weiblichkeit sind, hilft es, noch einmal zurück zu gehen und die Fragen zu beantworten, die ich Euch vor einem halben Jahr in meinem Beitrag „Bildersuche“ gestellt habe. Tauchen hier Frauen auf, die für Euch in irgendeiner Art und Weise Weiblichkeit ausstrahlen und verkörpern?

Lasst alle Eindrücke, Gedanken und Bilder kommen, ohne sie zu bewerten.

Wenn wir Eindrücke wahrnehmen, dabei offen für Überraschungen und bereit sind, uns bewusster mit unseren Vorstellungen rund um Weiblichkeit zu befassen, erkennen wir Verbindungen zwischen den auftauchenden Bildern und Gedanken. Sie sagen uns meist auch etwas über unsere zugrundeliegenden Werte. Ebenso können wir Muster in Bezug auf unsere Wahrnehmung und mögliche Wertungen und Interpretationen aufdecken. Gibt es Filter, die wir über unsere Wahrnehmung legen? Wer durch eine Brille blickt, die einen Sprung hat, wird auch in der Außenwelt immer einen Sprung wahrnehmen. Es kommt darauf an, zu erkennen, ob ein Sprung in unserem Blickfeld tatsächlich existiert oder nur unsere Brille einen Sprung hat, und das Bild in Wirklichkeit „sprungfrei“ ist.

 

Alles Liebe,

Eure

Esther

 

Photo by Valentina Conde on Unsplash

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